Das Paket

Schweißgebadet verschafft sich ein hagerer junger Mann halb stolpernd, halb fallend durch die schwere hölzerne Eingangstür Zutritt zur Laterne. Für die Stammbelegschaft der muffigen Eckkneipe, die das Schauspiel neugierig beäugt, besteht jedoch kein Anlass zur Sorge um die Versehrtheit des erschöpften Jünglings, sein Kopf ist durch einen Fahrradhelm geschützt. Der unerwartete Gast macht einen ziemlich unbeholfenen Eindruck, was nicht zuletzt an dem Paket liegt, das er wie ein Football-Wide Receiver auf dem Weg zum Touchdown in seinen Armen umklammert hält, um es vor einem Sturz zu schützen.

„Ja nu, wat is mit dir? Name, Alter, Anliegen!“, fällt Eddi wie der von ihm Angesprochene mit der Tür ins Haus.

„Mensch, Eddi“, versucht Rolli seine harsche Begrüßung direkt zu relativieren, „wir sind doch hier nicht an der innerdeutschen Grenze!“ Der Wirt wendet sich mit väterlichem Blick dem behelmten Besucher zu. „Was können wir denn für dich tun, men Jung?“

„Ähm, ja…“, beginnt er stotternd und außer Atem. „Ich… ich bin so quasi so ne Art Kurier…“

„Ja wie, wat ‚so quasi’?! Hömma, wenn du n Lörres inner Hose hast, dann bist du n Kerl und wenn du n lustigen Helm aufm Kopp hast und Pakete hin und her fährst, dann biste auch n Kurier.“ Wenn Eddi etwas wirklich nicht leiden konnte, dann dieses ‚Rumgedruckse’, wie er es immer nennt.

Rolli hält unterdessen ein Bierglas im 45-Grad-Winkel unter den Zapfhahn, zieht den Hebel nach hinten und der goldgelbe Gerstensaft strömt leicht schäumend in die Trinkvorrichtung. Der Wirt stellt das Bier auf den Tisch neben dem kurierähnlichen Fahrradfahrer. „Setz dich doch erstmal und nimm nen kleinen Schluck.“ Die Szenerie erinnert inzwischen stark an ein Good-Cop Bad-Cop Verhör.

„Das ist nett, aber ich muss noch fahren“, schlägt er das Angebot aus und Eddi fällt aus allen Wolken. „Sachma hast du die Pfanne heiß, Kollege Bratwurst?! So langsam wird hier die Luft dünn für dich und dat nich, weil wir aufm Mount Everest der guten Lauen sind. Lässt der hier dat frisch gezapfte Pilsken stehn, hömma hat der n Nagel im Helm, oder wat?!“

„Na dann sag uns doch erstmal, was es mit dem Paket auf sich hat“, schlägt Rolli weiterhin seinen väterlichen Ton an, doch Eddi ist längst auf Krawall gebürstet.

„Ne komm, dat Gestotter hör ich mir nich mehr an!“ Eddi steht auf, reißt dem entgeistert starrenden jungen Mann das Paket aus der Hand und selbiges auf.

„Ach du dickes Ei, das ist n starkes Stück“, entfährt es Matte, der wie immer am Spielautomaten in der Ecke sitzt, beim Anblick des Paketinhalts. „Das… das war für die Hansens, die, also, die waren nicht da…“ Der Paketkurier guckt beschämt auf den offenen Karton in Eddis Händen.

Dort liegen, fein säuberlich auf weißem Stoff drapiert, zwei riesige schwarze Gummidildos. „Und ich dachte noch der ‚Black Mamba’-Aufkleber wäre da, weil das ne neue Sorte von diesen Süßigkeiten ist“, sagt Rolli nachdenklich.

Einzig Eddis grimmiger Blick ist einem ungläubigen Lachen gewichen. „Ha, dat is ja n Ding!“ Eddi nimmt einen der unterarmgroßen Phallusnachbildungen und betrachtet ihn freudig erregt. „Dat is ja auch n dickes Geschäft heutzutage! In dem Business gilt ja auch dat Motto ‚Penetrant sein – penetriert werden’. Da musste schon die Trends kennen, sonst verschläfste dat Geschäft mit dem Beischlaf!“

„Also, vielleicht ist das ja auch irgendwie für so ne Art Halloween-Kostüm oder so“, wirft der junge Lieferant des pikanten Pakets ein. „Hömma, meinst du die verkleiden sich als Dr. Schwanzenstein oder Dödel-Deiwel mit zwei riesigen schwarzen Hörnern, oder wat?“

„So, jetzt ist aber Schluss!“ Wirt Rolli will die gute Nachbarschaft mit den Hansens nicht aufs Spiel setzen. „Ich mach das Paket zu, geb das den Hansens, wenn die wieder da sind und ihr habt vergessen, was hier passiert ist!“

„Bis ich dat vergesse, müssen aber noch n paar Schnäpsken kommen.“, wendet Eddi ein. Rolli stellt ihm Bier und Wacholder vor die Nase. „Das Schweige-Pils geht aufs Haus!“ Und ohne, dass die drei es mitbekommen, ist der junge Fahrradkurier schon wieder nach draußen gestolpert. Gut, dass Kneipentüren immer nach außen öffnen…