Das Pazifisten-Pils

Während die Sonne sich mit ihrer letzten spätsommerlichen Kraft Hamburgs Dächern nähert, schlurft Matte mit müden Schritten zu seiner Stammkneipe.
Manchmal fragt er sich, ob das jetzt eigentlich alles ist, was noch so bleibt. Klar, das Spielen an dem blinkenden Automaten macht ihn zwar nicht reich, aber schon auch irgendwie Spaß, genauso wie ihn das polemische Gelaber seines Trinkerkollegen Eddi auf eine Art beruhigt, auch wenn er das natürlich nie zugeben würde.

Als er an der schweren hölzernen Eingangstür der Laterne angekommen ist, überlegt er kurz, einfach umzudrehen. Er könnte mal wieder durch den Hubertuspark spazieren, wie früher mit Susanne, als sie noch zusammen waren. Doch wie von selbst drückt er die Tür auf und es riecht nach Bier, nicht durchgesetztem Rauchverbot, Kneipe – wie jeden Sonntag.

„Dat is doch ne Farce, hömma, dat der sowat kriegt, da drüben!“. Eddis rauchige Trinkerstimme dröhnt schon durch den Schanksaal der Laterne, als Matte seinen Platz am Spielautomaten einnimmt.

„Nee, ‚FARC’ heißen die! Steht doch da.“, entgegnet Wirt Rolli und zeigt auf die Titelseite der Bild-Zeitung.
In dicken Lettern berichtet das Blatt über die Verleihung des Friedensnobelpreises an den kolumbianischen Präsidenten für seinen Einsatz in den Friedensbemühungen mit der im Land aktiven Farc-Guerilla. Für Eddi ist das keine nennenswerte Leistung.

„Nur weil der son paar Hotten-Totten im kolumbianischen Dschungel ma dazu bringt, sich feste Schuhe anzuziehen und die Wummen zur Seite zu legen, hat der doch noch keinen Preis verdient! Schlimm genug, dat der Staat da nich vorher ma durchgegriffen hat…
Spätestens seitdem der Obama den damals bekommen hat, is der Nobelpreis doch sowieso ein Witz. Der hat sich den doch damals von Guantanamo Bay aus mit ner Kampfdrohne abgeholt!“

Matte wurde von den anderen beiden noch nicht einmal begrüßt, denn dazu sind sie zu sehr in ihre Diskussion vertieft.
Die Zweifel an seinen fast schon ritualisierten Kneipengängen wurden jedoch inzwischen von Wacholder und Pils, die schon für ihn bereit standen, weggespült und das sanfte Gedüdel des Spielautomaten hat ihn schon wieder voll und ganz in seinen Bann gezogen.
Alles ist so, wie es immer war. Das hat sich schließlich auch bewährt.

„Eddi, da wurden innerhalb von fünfzig Jahren über zweihunderttausend Menschen getötet, du.“, lässt Rolli sein soeben angelesenes Wissen gekonnt in die Diskussion einfließen.
Ohnehin zeichnen sich die Debatten in der Laterne seit jeher durch eine solche Faktennähe aus, dass selbst Frank Plasberg sie keinem Faktencheck mehr unterziehen müsste.
„Bei so ner langen Zeit ist das schon bemerkenswert, dass der Santos da für Frieden gesorgt hat“

„Ha! Frieden!“, lacht Eddi auf. „Hömma dat Volk hat den Vertrach doch gerade abgelehnt. Kann ich auch verstehen, dat die nicht plötzlich mit irgendwelchen zotteligen Freiheitskämpfern beim Bäcker anner Kasse stehen wollen!“

„Rolli, machst du mir gerade mal ne Frikadelle, du?“ Der fluffige Fleischklops ist gewissermaßen die Kirsche auf dem Eisbecher, die Mattes Sonntag verziert.
Wenn jetzt noch der Spielautomat mitspielt und ein paar seiner Euros wieder ausspuckt, wird er nicht im Traum noch einmal daran zweifeln, wiederzukommen.

„Und der größte Witz is“, Eddi macht seinem Ärger weiter Luft, „der größte Witz is, dat der Preis auch noch nachem Alfred Nobel benannt is! Der Typ hat dat Dynamit erfunden, Bombenleistung für den Frieden, sach ich da nur.
Einen Friedenspreis nach dem Erfinder des Dynamits zu benennen ist so, als würde man einem Kriegsveteranen zur Ehrung den Gandhi-Orden verleihen.

Am meisten hätte sowieso ich den Preis verdient, dafür dat ich seit 25 Jahren für den Beziehungsfrieden mit Ulla sorge und meinen Azubis nich jeden Tag die Pinsel um die Ohren jage! Aber dat interessiert die Experten in Oslo ma wieder nich… Da brauchste erst so ne Farce mit der FARC!“

Rolli zapft ein Pils und stellt es Eddi vor die Nase. „Hier, da hast du den offiziellen Friedenspreis der Goldenen Laterne: Das Pazifisten-Pils. Herzlichen Glückwunsch!“

Während Matte sich in der Ecke gerade eine Friedenspfeife dreht, hebt Eddi das Glas triumphierend in die Luft und freut sich: „Endlich siehts ma einer! Und dann auch noch n Pokal, aus dem man saufen kann. Dat nenn ich ne passende Würdigung!“

Friede, Freude, Bierkonsum – ein nobelpreiswürdiger Sonntagnachmittag in der Laterne.