Der Mann in der Frau

Auf dem kleinen Röhrenfernseher hinter der Theke moderiert sich Katrin Müller-Hohenstein gewohnt hölzern von Rhytmischer Sportgymnastik zu Volleyball oder „von Keulen und Seilen zu Pritschen und Baggern“, wie die ZDF-Frau für den Olympia-Vorabend es formuliert. Eddi könnte wahnsinnig werden bei dieser Moderatorin, dabei wollte er sich eigentlich nicht mehr so viel aufregen. Doch so sehr er sich auch bemüht – der impulsive Wacholder-Fan kann mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg halten.

„Ker nochma, da könnt ich durch die Scheibe spring, wenn ich dat alte Moderationsgestell da seh… Die presst beim Sprechen die Zähne zusammen wie Stefan Raab, wenn man ihm die Sackhaare zupft. Ich kotz im Strahl!“

„Mensch Eddi“, ruft Wirt Rolli erstaunt, „die scheinst du ja echt gefressen zu haben, du.“

„Hömma, die Alte hab ich dermaßen gefressen, die könnt ich ausspucken und nochma fressen! Reicht doch schon, wenn einem die Ehefrau dat Sporterlebnis kaputt macht, da muss dann nich auch noch so ne ausgemusterte Fernseh-Fregatte inne Glotze für schlechte Laune sorgen.“

Matte sitzt wie immer am Spielautomaten in der Ecke und starrt in das halb geleerte Bierglas vor ihm. Er könnte wahnsinnig werden bei Eddis Monologen, dabei hat er sich so auf einen gemütlichen Abend in der Laterne gefreut. Teilen konnte der Trinker mit dem ausdrucksschwachen Pensionärsgesicht noch nie besonders gut. Weder Meinungen, noch sonst etwas. Doch er behält seine Gedanken lieber für sich. Es ist ja so schon genug Trubel.

„Dat is ja sowieso sonne Sache mit den Frauen bei Olympia. Bei den Läuferinnen, da is doch mehr Testosteron auffe Laufbahn als in der Muckibude zur Brunftzeit, hömma! Haben se doch gerade erst wieder berichtet, dat die eine, die da aus Südafrika wech kommt, dat die halb n Kerl is…“

Rolli hält kurz inne als er über den Zapfhahn wischt und guckt Eddi mit verwundertem Blick an. „Ne, das gibt’s doch nicht. Wie soll das denn funktionieren, du?“

„Rolli du Flitzpiepe, dat is doch klar! Die hat Eierstöcke, aber ohne Stöcke halt. Im Körper drin. Außen zart, innen hart – wie n menschlicher Pfirsich, quasi. Kann ich schon verstehen, dat die anderen Läuferinnen da neidisch werden.“

Katrin Müller-Hohenstein ist auf dem flackernden Röhrenfernseher inzwischen beim Ringen angekommen und auch Eddi ringt mit sich, aber lässt das Geschehen unkommentiert.

Rolli scheint immer noch leicht verstört von der Vorstellung, dass es da zwischen männlich und weiblich noch etwas gibt. Lang genug hatte er schon damit zu kämpfen, gleichgeschlechtliche Liebe zu akzeptieren und jetzt sollte es auch noch zwischengeschlechtliche Menschen geben? Irgendwann sind auch dem weitesten Horizont Grenzen gesetzt.

„Ne, du, irgendwann reicht das auch mal, mit dem ganzen Gleichstellen und alles! Irgendwann muss man sich auch mal entscheiden, ob Männlein oder Weiblein. Da können doch nicht auf einmal alle hingehen und sich das Beste von beidem rauspicken, sowas geht doch nicht, du!“

Eddi pflichtet ihm bei: „Stimmt. Hausfrau und Malocher, dat passt einfach nich! Aber bei Olympia haben se ja alle genetisch irgendwie wat besonderes. Dat du als spargelbeiniger Zwerg nich mit Hochsprung anfängst is ja klar. Und diese Sementa, oder wie die heißt, also die mit den Bällchen im Bauchraum, die is ja doppelt bevorzugt. Die is nich nur n Kerl, sondern auch Afrikanerin. Und dass die Schwatten schneller laufen können, weiß man ja. Dat is wie mit dem Saufen: Da musste auch für geboren sein!“

„Ja und wenn das Saufen oder Schnacken olympisch wäre, dann hättest du aber Gold sicher“, murmelt Matte genervt, sieht dabei aber nicht von seinem Bierglas auf.

„Und wenn Verlieren olympisch wäre, hättest du Silber.“, kontert Eddi schlagfertig.
Dazu fällt Matte auch nichts mehr ein. Schlagfertigkeit war noch nie sein Steckenpferd.

Eddi bietet sich dadurch die Gelegenheit seine Überlegungen weiter auszuführen: „Naja, aber Springen, Laufen, Kugelstoßen – dat is mir am Ende auch alles Lachs. Wenn ich sehen will, wie die Kugeln fliegen und Schwatte um ihr Leben rennen, dann flieg ich rüber nach Boston, nicht nach Rio.“

Das Bild des alten Röhrenfernsehers bleibt immer wieder stehen und Rolli haut zweimal gegen die Holzverkleidung.

„Komm, lass gut sein Rolli. Guckt doch eh keine Sau!“, ruft Eddi und nach einem kräftigen Schluck aus seinem Bierglas schlägt er die Bild-Zeitung auf.