Der Scheißlied-Olymp

Rolli schlägt drei Mal mit voller Wucht gegen die Holzverkleidung des alten Röhrenfernsehers. Jetzt hat das Relikt aus den Zeiten großer Fernsehunterhaltung wohl endgültig den Geist aufgegeben.
Die „ZDF-Hitparade“, „Am laufenden Band“ oder „Tutti-Frutti“, was hatte dieses Gerät ihm schon für eine Freude bereitet. Dieser kleine Kasten, durch den Rolli für kurze Zeit dem tristen Alltag entfliehen konnte, als es noch echte deutsche Showmaster gab. In Zeiten, in denen wütende Bürger Fernsehgrößen wie Kurt Felix, Hans Rosenthal oder Rudi Carell noch nicht vorwarfen, zwangsgebührenfinanzierte Marionetten staatlicher Propaganda zu sein.
Als Rollis Frau Inge noch lebte, bevor ihr Sturz von der Leiter beim Kirschenpflücken Rolli zum einsamen Witwer machte.

„Rolli, wat ziehst du denn so ne Fläppe, hömma?!“, durchbricht Eddi Rollis Gedanken. „Mach doch zumindest ma den CD-Player an, dat Gedüdel von Matte’s altem Daddelgerät geht mir tierisch auf’n Keks!“

Der Erwähnte sitzt am Spielautomaten in der Ecke und schüttelt nur den Kopf. Rolli schaltet den CD-Player an, der gerade in der Radio-Funktion läuft. Frequenz 87,6 Mhz – NDR2.
Eine massenkompatible Milchbrötchen-Stimme moderiert mit überschwänglicher Vorfreude den nächsten Song an – ‚Ich bau ne Stadt für dich’ von Cassandra Steen mit Adel Tawil. Das war Eddis Stichwort.

„Ne, hömmir auf du! Wat die alte Eule da für’n Schwachsinn singt, dat kann doch keiner am Kopp haben! ‚Jede Straße, die rausführt, führt auch wieder rein’?! Wat soll dat für ne Stadt sein? Wenn du mich fragst, will die ihren Angebeteten da für immer festsetzen. Die Hymne für Kontrollfreaks.
Ein Mann der sich auf so ne Inhaftierungs-Inge einlässt, fängt auch an sich vegan zu ernähren und lässt Fußball ausfallen, um zur Landesgartenschau zu fahren, hömma! Schalt ma weiter da…“

Rolli ändert die Frequenz, 89,5 Mhz – NDR1. Ein in die Jahre gekommener Mallorca-König singt ‚Ich bau dir ein Schloss’ und vor der Theke verschluckt sich Eddi fast an seinem Pils.

„Hömma, wat wollen die denn alle noch bauen? Die eine Phantom-Pop-Produzentin baut ne Stadt, der mediterane Inselmonarch n Schloss in den Wolken und noch irgendso ne andere achselhaarzüchtende Ökoschlager-Braut baut irgendwem ein Schloss aus Sand, irgendwie, irgendwo, irgendwann?
Die ham doch alle den Schuss nich gehört. Die könnten alle nich mal ein Ikea-Regal zusammen bauen. Da is bei Kallax schon Feierabend…
Schloss in den Wolken – da muss sich die gute Dame vom Drews nich wundern, wenn sich die Pläne als Luftschloss entpuppen.
Den alten Insel-Despoten konnte ich sowieso noch nie leiden. Is doch keine Leistung, Lieder für verhaltensauffällige Sauftouristen zu schreiben. Die würden auch nen dressierten Schimpansen mit nem Schifferklavier abfeiern. Und der hätte vermutlich sogar noch höhere kulturelle Ansprüche als Jürgen ‘der Schlagerpirat’ Drews!“

Matte wirft den nächsten Euro in den Spielautomaten und Rolli ändert erneut die Frequenz. 94,2 Mhz – N-JOY. Eine junge Frau präsentiert die coolsten Trashhits der 90er.
Es läuft ‚Das ganz große Glück im Zug nach Osnabrück’ von Cliff und Rexonah und Eddi platzt endgültig der Kragen.

„Da sind wir in der Kategorie ‚Scheißlieder’ aber mal sowat von im Olymp gelandet! Mehr geistigen Dünnschiss kannste doch in sonem Text gar nich verpacken!“

Er kippt hastig seinen Wacholder runter, ehe er zum ganz großen Monolog ausholt.

„Dat die Alte im Zug nach Osnabrück über Offenbach, Bielefeld, Leverkusen und Wuppertal fährt, wundert mich bei der Deutschen Bahn ja noch nichma. Aber dass die dabei noch vom großen Glück redet, dat is doch völlig unmöglich bei den ganzen Verspätungen! Mittlerweile kannste dir ja statt nem Bahnticket besser nen Trabbi kaufen. Der is eher da als der Zug…
Da isses ja noch realistischer, dass die 18 von Köln bis nach Istanbul fährt, hömma! Der Erdogan-Express!“

Matte steht auf und schlendert gemächlich zur Toilette, während Eddi unbeirrt fortfährt.

„Am Ende is dat aber bestimmt nur so ne Marketing Aktion vonner Bahn. Eigentlich findet man das große Glück doch nur auf der Straße, nicht auf der Schiene! Mit Menschen die Zug fahren, stimmt grundsätzlich etwas nich, dat weiß man ja!“

„Ach Eddi, sag doch einfach, dass du es hören willst…“ Rolli geht zu seinem Regal hinter der Theke, kramt eine CD hervor und legt sie in den Player.
Als die Melodie des ersten Songs ertönt, zaubert sie umgehend ein zufriedenes Lächeln auf Eddis Gesicht. Und als das erste Mal der Refrain einsetzt, springt der cholerische Trinker auf und grölt mit. „Wir sind das Ruhrgebiet!!“

Ein kleines Stück Heimat, in der davon weit entfernten Laterne…