Die Pils-Prophezeiung

Der pizzakartongroße Bildschirm des verstaubten Röhrenfernsehers flackert mal wieder so stark, dass man das Gesicht von Moderator Andreas Cichowicz kaum noch erkennen kann.

Seit die Sender auf dieses 16:9-Format umgestellt haben, kann Rolli ohne Brille sowieso kaum noch etwas erkennen, weil seitdem auf seinem Gerät alles noch kleiner als sowieso schon angezeigt wird und dafür ein ganzer Teil ober- und unterhalb des Bildes schwarz bleibt.
Eine Neuerung, die der Wirt bis heute nicht verstehen kann.

Der Fernseher ist auf einem speziell dafür montierten Holzbrettchen in der Ecke der goldenen Laterne platziert, das so aussieht, als würde es jeden Augenblick dem Gewicht des massiven, 25 Jahre alten Stücks japanischer Elektronik nachgeben.
Dieses Brettchen tut allerdings – zur Verwunderung aller Gäste der Kneipe – treu seine Pflicht, seitdem Wirt Rolli es dort vor einem viertel Jahrhundert in einer Art und Weise angebracht hat, dass in Heimwerker und Stammgast Eddi beim bloßen Hinsehen das Bedürfnis aufkommt die Konstruktion auf der Stelle wegzureißen und vernünftig zu machen, was sein Wirt ihm allerdings seit Jahren hartnäckig untersagt.
Denn auch wenn das Brettchen von Beginn an reichlich in Schräglage montiert war und es schon länger unter dem Gewicht des Fernseh-Apparates ächzt, wie Rollis Stammgäste unter der Last des Lebens, so hält es dem Druck doch – ebenfalls so wie seine Gäste – eisern stand.
Darauf ist der Wirt schon etwas stolz und zwar so sehr, dass er die kritischen Kommentare von Hornbach-Kundenkarteninhaber Eddi gern in Kauf nimmt.

„Als du dat Ding angebracht hast, da hast du die Wasserwaage aber maximal zum Wasser wiegen benutzt, hömma!“, tönt der auch schon los. „Wenn alle Deutschen dein handwerkliches Geschick besäßen, wären wir immer noch mit der Beseitigung der Kriegsschäden beschäftigt.“
Rolli geht nicht auf die Spitze ein. Seine Konstruktion hält nach wie vor und das spricht für sich, findet er.

Eddi sieht wieder rüber zum Fernseher. Er kann durch das uralte Gerät zwar nicht einmal den Moderator erkennen, geschweige denn verstehen, was dieser sagt, aber er hat das Gefühl durch den Apparat hindurch spüren zu können, wie sich hinter der Kamera Jörg Schönenborn seine Statistiken zurechtlegt. Das macht den arithmophoben Malermeister so sauer, dass er sich auf der Stelle einen Beruhigungswacholder bestellt.

Es folgt eine längere Stillephase, die Rolli einfach hätte genießen können, doch er plappert stattdessen ohne groß darüber nachzudenken los: „Da wird die AfD in MeckPomm ja tatsächlich stärkste Partei.“. Erst jetzt, als die Worte seine Lippen bereits verlassen haben, bemerkt er welchen Stein er damit ins Rollen gebracht hat.

„Na, und du kennst dat Ergebnis ma wieder früher als alle Anderen.“, platzt es aus Eddi heraus.
„Warum müssen die Leute überhaupt noch selber wählen, wenn man einfach Glaskugel-Rolli befragen kann. Die Pils-Prophezeiung!“, spottet er.

„Ne, weiß ich natürlich nicht. Aber die Umfragen sagen das ja alle.“, entgegnet der Wirt.

„Pah! Umfragen! Dat is doch alles Blödsinn, hömma. Bist du schonma befragt worden? Oder jemand den du kennst? Also ich nich!“

„Wenn die dir ne Frage stellen, bekommen die ihre Umfrage ja auch nicht rechtzeitig fertig, weil sie dich nicht wieder los werden.“, schaltet sich Matte jetzt das erste mal vom Spielautomaten aus ein.

Eddi ignoriert den Versuch seines Saufkumpanen humoristisch tätig zu werden. Stattdessen lässt er sich weiter über die aus seiner Sicht überflüssigen Wahlumfragen aus: „Für mich is dat alles Scharlatanerie! Die Zahlen, die werden doch ausgewürfelt! Oder der Praktikant setzt da einfach seine Lieblingszahlen ein. Brauch’ kein Mensch! Wenn ich Prozentzahlen sehen will, stelle ich mich im Edeka ans Schnapsregal!“

In diesem Moment wird das Bild auf dem Fernseher wieder besser. Genau passend, denn es ist Punkt 18:00 Uhr und Jörg Schönenborn steht mit seinen Pappkarten in der Hand zur Verkündung der ersten Prognose bereit.