Frikadellendiät und Fruchtfleischveganer

Ein tiefes, sonores Grummeln durchbricht die bleierne Stille im Schankraum der goldenen Laterne. Wirt Rolli nimmt seinen Blick von dem alten schmuddeligen Handtuch, mit dem er das Bierglas in seiner Hand seit Minuten abtrocknet und guckt seinen Stammgast Eddi mitleidig an. „Du, also das klingt nicht gesund, was da aus deinem Magen kommt. Soll ich dir vielleicht ne Frikadelle in die Mikro packen?“

Eddi schüttelt energisch mit dem Kopf. „Ach, sonne Frikadüse macht den Braten jetzt auch nich mehr fett, hömma! Mach mir erstma n Wacholder fertig. Die Ulla meint plötzlich, wir müssten dringend Diät machen. Dat sind alles die Medien, sach ich dir! Inner Glotze haste fuffzig Prozent Kochshows und Reklame für Essen und fuffzig Prozent C-Promis, die wolln dat du sexy und krass bist. Da passt doch wat nich, hömma!“

Rolli holt den Wacholder aus dem Eisfach und schenkt dem hungernden Choleriker aus dem Ruhrgebiet einen ein. Eddi kippt den Schnaps hastig weg, um seinem Ärger schnell weiter Luft machen zu können.

„Und wenn dann noch die alte Bulgur-Britta von meinem Jungen mit am Esstisch sitzt, da krieg ich aber sofort n Magengeschwür! Die ist so militante Veganerin, die will seit neuestem auch kein Fruchtfleisch mehr essen!“

„Das gibt’s doch nicht!“, entfährt es Rolli, der inzwischen wieder das selbe Bierglas ein zweites Mal abtrocknet, derart fokussiert verfolgt er Eddis Tiraden. Das Glas ist inzwischen so trocken, es müsste das nächste Bier aufsaugen wie ein Schwamm.

„Dat passt doch auch nich! Ne Hardocre-Pflanzenfrau, aber im Bett so einen halben Hahn vernaschen! Wobei, ich bin mir nichma sicher, ob der Junge da schon mal bei war…“

„Ne du“, meldet sich Matte vom Spielautomaten in der Ecke zu Wort, der das Geschehen bisher unkommentiert verfolgt hat. „Die Jugend nennt so Halbstarke heutzutage eher ‚Lauch’. Hab ich zumindest irgendwo gelesen!“

Eddi ist so in Rage, dass er sich nicht einmal über Mattes plötzliches Expertenwissen im Bereich der Jugendsprache wundert.
„Naja, dann soll dat halt passen. Is mir auch völlich Lachs, was dat junge Gemüse alle so treibt! Aber eins sach ich dir: Wenn dat Leben der Alten eine Zitrone gibt, dann fragt die erstmal ob die aus nachhaltigem Anbau is!“

Rolli starrt in die Luft, offensichtlich angestrengt, die Aussage des wild verdrehten Sprichwortes zu verstehen.

„Wer von dieser Jugend macht denn da heute noch Cola raus??“, fährt Eddi fort. „Oder halt Fanta oder… is ja auch Wurscht, hömma! Da packt keiner mehr an, also um dat zu pressen, so rein methadologisch gesprochen! Die handeln mit Zitronen, diese Fruchtfleischveganer!“

„Von diesen neuen Diättrends hab ich auch gelesen“, murmelt Matte, der heute offenbar sein ganzes jüngst in Fachzeitschriften angelesenes Wissen in den Ring werfen will. „Dieses Laukarb soll ja so viel bringen…“

„Also ich kenn nur Labskaus“, lacht Rolli, während er das gewissenhaft abgetrocknete Glas unter den Zapfhahn hält. Sein Witz findet aber mal wieder keinen großen Anklang in der Runde.

„Dat bringt alle nix, alles Banane!“, bringt Eddi seinen Standpunkt prägnant wie selten auf den Punkt. „Mit diesem Diätkram kommst du in Teufels Küche, hömma!“ Rolli stellt das Bier auf den Tisch und klopft ihm auf die Schulter. „Also du musst wirklich Hunger haben, du.“

„NA SICHER HAB ICH HUNGER!!!“, brüllt Eddi. „Und jetzt sieh zu, dat verdammt nochma der Fleischklops inner Mikro landet! Und sach ja Ulla nix davon!“

Rolli tut sofort wie ihm geheißen. „So viele Probleme auf der Welt könnten mit Alkohol gelöst werden“, denkt sich der Wirt im Stillen, „aber Hungersnöte gehören definitiv nicht dazu…“

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