In der Blase

„Na, wenigstens hast du doch bestimmt zwei, drei Glühwein getrunken.“

„Komm, hör mir auf! Wenn ich Lust auf brühwarmen Rotwein mit Zuckerzusatz habe, dann sauf ich den am Strand von Cala Ratjada für 1,50 € den Liter aus’m Eimer!“
Den rechten Ellenbogen mit Pilsglas in der Hand auf der Theke abgelegt, winkt Eddi mit der freien linken Hand genervt ab. Gerade hatte Wirt Rolli versucht seinem Stammgast dessen vormittäglichen Weihnachtsmarktbesuch mit der Familie schönzureden.

Doch nicht einmal die Glühweinbuden, die so ein Christenkarneval für seine Besucher bereithält, konnten Eddi überzeugen. Die zuckrige Plörre schmeckt dem traditionsbewussten Trinker einfach nicht.

‚Wat nich brennt, taugt auch nix.‘, ist Eddis Faustregel für Alkoholika.
Sein persönliches Geheimrezept für einen gelungenen Glühwein ist es daher den Glühwein einfach wegzulassen und den Becher stattdessen mit Rum oder wahlweise Amaretto randvoll zu kippen. Aber wenn er mit Ulla unterwegs ist, traut er sich nicht einen solchen Spezialglühwein zu bestellen.

Als Eddi dann unvermittelt an seine Schwiegertochter in spe denkt, muss er erstmal einen Beruhigungswacholder herunterkippen.
„Dann fragt die Öko-Else vom Thomas mich, ob se mir ne Waffel mitbringen soll. Ich denk ‚Ne schöne Waffel mit heiße Kirschen dabei, oder wat!‘ und sach zu ihr: ‚Ja, bring ma mit!‘
Aber als se wiederkommt, steht se mit nem Fladenbrot mit so Zeugs drin inne Hand vor mir.“

„Wie? Und was sollte das?“, fragt Rolli irritiert.

„Ja, dat hab ich se auch gefragt! Sacht se zu mir, sie sollte mir doch Falafel mitbringen.“

„Was ist denn Falafel?“

„Irgendwat orientalisches. Ich kannte dat auch nich. Ich weiß auch nicht wat das auf nem Weihnachtsmarkt verloren hat. Aber die Jugend muss ja immer alles Multi-Kulti machen, haben ja keinen Sinn mehr für Tradition. Deren Weltsicht versteh‘ wer will!“, sagt Eddi mit einer gewissen Resignation in seiner Stimme und leert sein Bierglas.

Rolli beginnt umgehend nachzuzapfen, damit sein Gast nicht allzu lange auf dem Trockenen sitzt. Als er das Pils mit einer derart makellosen Krone veredelt hat, dass er sich selbst innerlich dazu beglückwünscht, stellt er sein Meisterwerk vor Eddi auf die Theke und streut anschließend sein unter der Woche im Radio erworbenes Fachwissen in die Diskussion ein: „Also im NDR1 haben die gesagt, dass die Jugendlichen heute in einer Filterblase leben.“

Eddi runzelt die Stirn. „Filterblase? Ich dachte dat is, wenn man zu viel Kaffe trinkt und dann dauernd auf’n Pott muss.“

„Nein. Das heißt, dass einem im Internet immer nur Nachrichten gezeigt werden, die einem gefallen, weil die vorher gefiltert werden. Andere Ansichten bekommt man dann gar nicht mehr mit.“, erklärt Rolli.

Jetzt wird Eddi hellhörig. Er hat sich schon lange gefragt, warum er die Jugend von heute nicht versteht, aber eine Antwort auf diese Frage hatte er bislang nie gefunden. Nur dass es nicht an ihm liegen kann, dessen war er sich sicher. Und dass diesem Internet nicht zu trauen ist, das hatte er sich auch schon gedacht.

Die Filterblase könnte nun endlich die Erklärung sein, die er schon seit Jahren sucht. Er selbst setzt ja stets auf eine äußerst diversifizierte Mediennutzung. Neben ‚BILD‘, ‚BILD am Sonntag‘ und ‚Sport-BILD‘, wirft er sogar manchmal heimlich einen Blick in Ulla’s ‚BILD der Frau‘.

„Die Leben alle in der Blase. Kein Wunder, dass die solche Ansichten haben.“, murmelt Eddi und blättert nachdenklich in seiner Zeitung.

Kommentar verfassen