Irrtum der Gesellschaft

Die Sonne versinkt in einem tieforangenen Schimmer hinter den dunklen Silhouetten unzähliger Kräne im Hamburger Hafen. Eddi hat keinen Blick für diese frühsommerlichen Farbenspiele in der Kulisse der Hansestadt. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt dem schnellstmöglichen Erreichen seiner Stammlokalität, er muss mal wieder Dampf über ein Irrtum der Gesellschaft ablassen. Und natürlich Bier trinken. Aber Bier trinken, das tut er ja immer in der Laterne. Heute gilt es darüber hinaus noch eine in seinen Augen ganz grundsätzliche Gesellschaftskritik zu üben.

Entschlossen öffnet er die Eingangstür und nimmt seinen Stammplatz an der Theke ein. „Eddi, alte Puddingbirne! Was für’n schöner Tag, nich wahr?“, begrüßt ihn Wirt Rolli mit norddeutscher Herzlichkeit und stellt ihm ein Glas Bier auf die Theke.

„Dat schöne Wetter macht noch keinen schönen Tach.“, antwortet Ruhrpottkind Eddi patzig. „Musste mich schon wieder tierisch aufregen heute. Guckt dir dat an! Liest die Ulla immer…“
Eddi wirft eine Ausgabe der ‚Bild der Frau’ auf den Tresen. ‚Die Trends – So kommst Du stilsicher in den Sommer’ titelt das Frauenmagazin.

„Trends!“, wiederholt Eddi abfällig, „Dat ist ein reiner Irrtum der Gesellschaft! Da kommt einfach irgendein Döspaddel, so ein Mode-Mongo und plötzlich solln se alle mintgrün tragen. Mintgrün! Dat is keine Farbe, hömma. Dat is der Inbegriff von Geschmacklosigkeit! Die farbegewordene Kapitulation vorm Stil!“

Wirt Rolli versucht unauffällig sein mintgrünes Küchenhandtuch verschwinden zu lassen, um seinen erregten Stammgast nicht weiter zu verärgern. Mit einem lauten Nieser wirft er seinen Oberkörper nach vorne, verschwindet hinter der Theke und taucht mit einem blauen Handtuch wieder auf. Er hätte das mit der Schauspielschule damals einfach versuchen sollen, schießt es ihm nach dieser formvollendeten Performance durch den Kopf.

„Gesundheit!“, ruft Matte vom Spielautomaten in der Ecke. „Ist wohl wieder was in der Luft, nech?“

„Und die Jugend“, fährt Eddi unbeirrt fort, „die sind mittlerweile alle so individuell, da erkennste gar keinen Unterschied mehr! Alle bunt angemalt und n Haufen Metall im Gesicht. Dat is wie bei meinen Auszubildenden… Inselbegabt, aber weit und breit kein Land in Sicht, sach ich da immer!“

Rolli trocknet mit seinem blauen Handtuch gedankenverloren Gläser ab. „Aber so gesehen“, sein Blick schweift durch den Raum, als sei er auf der Suche nach einem treffenden Einwand. Er ist fündig geworden. „So gesehen sind doch auch nicht alle Trends schlecht. Zum Beispiel die Sache mit dem aufrechten Gang damals. Wenn da nicht einer angefangen und später alle mitgemacht hätten… Also für mich mit meinem Rücken sähe das schlecht aus heute, du!“

Eddi schüttelt mit dem Kopf. „Dat is doch n Scherz, hömma! Du willst doch nicht die Errungenschaften der Evolution mit diesen knöchelfreien Jeansträgern vergleichen. Und die Frauen laufen ja sowieso jedem Schwachsinn hinterher. So wie ich dat immer sage: Die ganzen Weiber wollen immer Holz vor der Hütte, ham am Ende aber doch nur n Brett vorm Kopp!“

„So wie du, wenn du mal wieder an der Theke einpennst, Eddi. Die meisten Trends sind wie Schalke-Trainer: Nerven zwar, aber bleiben nicht sehr lange.“, wirft Matte lachend ein.
Er scheint selbst ein bisschen über seine plötzliche Angriffslust erschrocken zu sein. „Solange in der Laterne das Pils im Trend bleibt, folge ich dem Trend gerne.“, schiebt er daher diplomatisch hinterher und füttert den Daddelautomaten vor ihm mit einer weiteren Münze.

„Worauf du einen lassen kannst!“, ruft Eddi. „Dann noch einen Schnaps und schon sind wir alle voll im Trend!“
Und plötzlich scheint auch Eddi gerne dem Trend zu folgen…

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