Land der Trinker und Rentner

Normalität hat wieder in der Laterne Einzug gehalten. Ein Umstand, der nicht als Selbstverständlichkeit angesehen werden kann, denn in den letzten Wochen waren die Zustände in der Kneipe alles andere als normal.
Zum Weihnachtsfest war die Stimmung mal wieder traditionell hochgekocht. Auslöser in diesem Jahr war ein uralter Röhrenfernseher der Marke Löwe, der das Kneipenklima am heiligen Abend gründlich verhageln sollte.

Als Eddi kurz vor dem Fest zufällig davon Wind bekam, dass sein Arbeitskollege Michel noch eine voll funktionsfähige und ungenutzte Löwe-Röhre im Keller stehen hatte, nutzte der arglose Trinker die Gelegenheit und verfrachtete das Stück deutscher Ingenieursgeschichte ohne darüber nachzudenken noch am Morgen des Vierundzwanzigsten in seine seit Monaten fernseherlose Stammkneipe, in der Hoffnung am Abend nach dem Familienessen in Ruhe Loriots Klassiker ‚Weihnachten bei Hoppenstedts‘ sehen zu können.
Wirt Rolli fasste diese Handlung unglücklicherweise als weihnachtliche Schenkung auf. Eine Fehleinschätzung, die zu einem mehrtägigen Streit geführt hatte, weil man sich eigentlich darauf verständigt hatte sich nichts zu schenken.

Die daraus resultierende dicke Luft hatte sich gerade verflüchtigt, als man gemeinsam in der Laterne den Jahreswechsel beging. Doch auch dieser Abend sollte im Streit enden.

Denn während Eddi beim traditionellen Bleigießen in seinem eigenen Bleiklumpen eine Bratwurst erkannt und daraus gefolgert hatte, dass Sigmar Gabriel im anstehenden Jahr zum Kanzler gewählt wird, erkannte sein Wirt in dem erkalteten Stück Metall die Form einer Biene.
Die Meisten leiten aus diesem Motiv eine Heiratsprognose ab, andere sehen es als Gefahrensymbol.
Rolli hingegen folgerte, dass Borussia Dortmund – das Team von Maskottchendrohne Emma – in der laufenden Saison den Meistertitel erspielen wird.
Schalke-Fan Eddi verließ daraufhin wutentbrannt die Kneipe und kehrte erst am Neujahrstag zurück.

Inzwischen hat man sich jedoch ausgesprochen und ist, wie bereits erwähnt, im Alltag angekommen. Der neue Fernseher steht ungenutzt in der Ecke und setzt den ersten Staub an, Wirt Rolli steht wie immer hinter der Theke und spült Biergläser, Matte sitzt in der Ecke am Spielautomaten und schmeißt dem Gerät einen Euro seines Pensionärsgehalts nach dem anderen in den Schlund. Und Eddi hängt über seiner Bild-Zeitung und liest.

„Kaum friert es mal drei Tage am Stück, schon gibt’s ne Unwetterwarnung. Bei solchen Temperaturen sind wir als Kinder früher zum Baggersee schwimmen gefahren!“, eröffnet Eddi aus dem Nichts das Gespräch. „Dat deutsche Volk verweichlicht einfach! Siehste doch an der Jugend! Wenn die draußen ne Schneeflocke sehen, sperren se sich drei Tage inne Sauna ein, wenn se ne Haltung einnehmen sollen, fahren se zur Rückenschule und ohne Google kennen die nichma dat Geburtsdatum von ihren Eltern!“

„Das mit dem googeln nennt man Kompetenzen vermitteln, haben die im Radio neulich gesagt. Man gibt den Jugendlichen also sozusagen keinen Fisch mehr, sondern zeigt ihnen wie man angelt.“, wendet Rolli ein.

Dieser etwas schiefe Vergleich bringt Eddi ziemlich auf die Palme. „Von denen kann doch keiner nen Fisch fangen! Drück nem Studenten zwei Angeln in die Hand – Nach zwei Stunden ist die eine kaputt und die andere verschwunden, so sieht’s aus!
Und selbst wenn die aus Versehen doch nen Fisch fangen, dann weigern se sich den zu essen, weil er nich vegan is!“
Nachdem er einen Beruhigungswacholder hinuntergestürzt hat, fügt der cholerische Trinker hinzu: „Die Leistungsträger findest du in unsere Gesellschaft doch nich an den Unis! Die sitzen entweder an der Theke oder zuhause im Schaukelstuhl. Wir sind dat Land der Trinker und Rentner!“

In diesem Punkt mag ihm keiner der Anwesenden widersprechen. Stattdessen sagt Matte völlig zusammenhanglos: „Habt ihr das gehört, der Kai Diekmann wird ja jetzt verklagt wegen sexueller Belästigung.“

Eddi blättert in seiner Bild-Zeitung und antwortet: „Steht hier nichts von!“
Damit ist auch dieses Thema vorerst abgearbeitet.

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