Schanzenwölfe

Die Rauchschwaden lichten sich über dem Hamburger Westen. Auf der anderen Seite der Stadt steht Kultwirt Rolli mit dem Akkuschrauber vor seiner Kneipe ‚Zur goldenen Laterne‘ und entfernt eine Spax-Schraube nach der anderen aus den Spanplatten, die er vor seinen Fenstern montiert hatte. Stammgast Matte sitzt bereits wie immer am Spielautomaten in der Ecke und daddelt, als Eddi, eine weitere verlässliche Stütze des Kneipenumsatzes, schnellen Schrittes um die Ecke biegt.

„Rolli, alter Kniepsack! Wat macht die Kunst? Samma, wat soll dat ganze hier mit den Spandingern? Nur weil du hier Premium-Pils verkaufst, kommt doch kein verwirrter Krawallmacher rüber, um dir die Scheibe einzuschmeißen, hömma!“

„Du“, erwidert Rolli mit sorgenvoller Mine, als wäre ihm der Wacholder ausgegangen, „hier liefen letzte Woche schon zig Leute in schwarzen Klamotten rum. Da weißte ja nie, wo der Schwarze Block als nächstes auftaucht…“

Eddi zeigt in Richtung einer Laterne, an der ein Plakat befestigt ist. „Du bist aber auch ne Butterbirne, wa? Da war wieder ‚Dracula-Dance’ in der Trinkbar an der Rabusstraße! Dat waren Grufties, keine Randalierer!“

„Ja, gut… Da kannste ja heute gar nicht mehr unterscheiden so richtig. Also wer nur tanzt und wer sich verschanzt und so“, rechtfertigt sich der Zapfmeister und die beiden gehen in die Kneipe. „Außerdem war das ja wirklich nicht ohne. Von der Tante Hedi haben se den Rollator in Brand gesteckt! Das war son verrosteter ‚Migo to go’ von Drive Medical. Das ist wie’n Fiat Panda unter den Rollatoren! Ich mein, wenns der Karbon-Rollator von Bischoff & Bischoff wär, das könnt ich ja verstehen. Leute mit den Dingern mag nun wirklich keiner…“

„Ja dat is schlimm“, stimmt ihm Eddi nachdenklich zu und nimmt einen großen Schluck von seinem Bier. „Aber manches konnte ich da schon verstehen. Is doch kein Wunder, dat die den Budni da plündern! Wenn du ständig ne Dusche kriegst, dann brauchste ja auch mal n bisschen wat an Shampoo. Sonst kriegste den Rauch von dem ganzen Feuer ja auch gar nicht raus, dat stinkt tagelang, hömma! Darüber berichten sie aber nicht, is klar.“

„Jawoll!“, ruft Matte aus der Ecke, wohl weniger aus Zustimmung, als eher aus Freude darüber, dass der Merkur-Automat ihm soeben zehn neue Spiele gutgeschrieben hat.

„Sowieso völlig falsche Strategie, die die Polizei da fährt!“ Eddis Stimme wird lauter. „Da verjagen se alle, und wundern sich, dat se dann keinen schnappen. Die musste anlocken, hömma! Zuckerspray statt Pfefferspray, wenn einer n Stein wirft, direkt n Muffin zurückwerfen, oder sowat! Dann is da auch ne ganz wat andere Stimmung inner ganzen Kiste!“

„Naja, aber mit denen ist ja nicht zu spaßen“, widerspricht Rolli. „Ich weiß nicht ob ich die unbedingt anlocken würde.“

„Ach, dat sind doch alles halbwüchsige, zugedröhnte Realschulabbrecher“, kontert seine Stammgast, fügt jedoch nach einer kurzen Denkpause hinzu: „Aber eins haben diese Schanzenwölfe jedenfalls geschafft. Sie haben dem Trump die Show gestohlen. Der ist wahrscheinlich schon unterwegs und besorgt Kapuzenpullis und Bengalos für sich und Melania. Die brauchen die Aufmerksamkeit nunmal.“

Während Rolli ein Bierglas nach dem anderen befüllt, Matte eine Münze nach der anderen im Automaten versenkt und Eddi eine gewagte Theorie nach der anderen aufstellt, fährt vor der Tür der Schankwirtschaft ein Kehrwagen der Hamburger Stadtreinigung über den Bügersteig, entfernt dabei eine Spax-Schraube, die Rolli beim Abmontieren der Spanplatten heruntergefallen war und biegt um die Straßenecke.

Er überholt dabei einen Mannschaftswagen der Polizei, einen TV-Übertragungswagen mit der Aufschrift N-TV und einen alten Fiat Punto, in dem fünf junge Männer in schwarzen Kapuzenpullis sitzen. Sie alle stehen vor der Ampel auf der Rechtsabbiegerspur Richtung Autobahnauffahrt, die just in diesem Moment auf grün springt.

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