Schöne Ecken in Görlitz

Während sich in anderen Ecken Hamburgs linksautonome Jugendliche anlässlich des Maifeiertages steineschmeißend Straßenkämpfe mit der Staatsgewalt liefern, geht es nur wenige Häuserblocks von dem ganzen Trubel entfernt in der durch eine schwere Holztür geschützten Schankwirtschaft ‚Zur goldenen Laterne‘ deutlich ruhiger zu.
Vor dem Spielautomaten sitzt, wie an jedem anderen Tag auch, Pensionär Matte und verspielt mal wieder einen Euro nach dem anderen. Wirt Rolli poliert seine Biergläser bis zur Perfektion und aus den an der Wand montierten Bose-Musikboxen sendet Radio Paloma einhundert Prozent deutschen Schlager.
Indes hat der Kopf von Stammgast Eddi mal wieder eine tiefrote Farbe angenommen. Er sitzt auf sein Bierglas starrend vor der Theke und beißt sich auf die Zähne, denn die vergangenen Wochen und Monate haben im Gemüt des politisierten Trinkers ihre Spuren hinterlassen.
Mutmaßlich müßige Rettungsversuche für Mittelmeerstaaten, Euro-feindliche Extremistentöchter, ambitionierte Alternativparteien im Rechtsruck – All das muss ein Kind der goldenen 70er Jahre, das noch mit teils mehrjährigen Skandalintervallen aufgewachsen ist, erst einmal verdauen.
Und wenn er sich dann beim Familienfrühstück auch noch dem Vorwurf ausgesetzt sieht, seine Generation würde mit ihrem Wahlverhalten der Jungend die Zukunft verbauen, dann belastet das einen nachdenklichen Geist wie Eddi zusätzlich.

Er beginnt sich daher ebenso unangekündigt wie ungefragt in die Stille seiner Stammkneipe hinein zu rechtfertigen.
„Ach hör mir auf, du! Wenn du dieser durchgegenderten Dinkelgeneration die Gestaltung ihrer Zukunft selbst überlässt, dann sieht es doch in ganz Deutschland innerhalb eines Jahrzehnts aus wie in Görlitz 1980!“

„Naja, gibt ja auch bestimmt schöne Ecken da.“, gibt Rolli zu bedenken.

Sein Stammgast sieht ihn entgeistert an und kontert: „Du suchst ja auch im Gazastreifen noch nach schönen Ecken!“
Ein ausreichend guter Konter, um den nur mäßig schlagfertigen Wirt mundtot zu machen und anschließend wieder zu einem seiner berüchtigten Monologe ansetzen zu können.

„Neben dem Lexikoneintrag zu ‚Naivität‘ ist doch ein großes Foto von meinem Sohn abgedruckt! Wie soll so jemand denn seine Zukunft gestalten? Ohne den Realismus der Alten sind die doch aufgeschmissen…“
Eddi redet noch den ganzen Abend weiter ohne eine Antwort von seinen ‚Gesprächspartnern‘ zu erwarten. Er warnt vor der Einführung einer Öko-Diktatur, um sich wenige Minuten später über Erdogans unsägliche Nazi-Vergleiche zu ereifern. Er beklagt den Rechtsruck der Alternative für Deutschland, die sich ein „Kandidaten-Duo der Schande in ihr Herz gepflanzt hat“ und gibt dem Verein Borussia Dortmund eine Mitschuld an dem Anschlag auf ihren Mannschaftsbus, da „derartige Kurswetten ja erst durch die Ausgliederung der Profi-Abteilung möglich werden“.
Währenddessen gehen die beiden Anderen schweigend ihren Aufgaben nach und trinken über den Abend mehrere Liter Bier, bis es irgendwann an der Zeit ist den Heimweg anzutreten. Es ist also alles beim Alten in der Laterne. Bleibt nur zu hoffen, dass sich daran nicht so schnell etwas ändert.

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