Sparfuchs und Wacholderdrossel

Der Frost hat Hamburg fest im Griff. Seine eisige Hand zerrt auch an dem heiratsbedingt im Exil lebenden Ruhrpottkind Eddi.
Im Stile einer grazilen Eiskunstläuferin gleitet er über den vereisten Bürgersteig. Zumindest kommt er sich so vor.

Objektiv betrachtet gleicht sein Rumgeschlitter eher dem einer dicken englischen Bulldogge, die versehentlich auf einen zugefrorenen See gelaufen ist und nun verzweifelt versucht wieder Grip unter den Pfoten zu verspüren. Er rettet sich mit letzter Kraft zu seiner Stammkneipe, reißt die Tür auf, lässt sich aber von seiner anstrengenden Performance auf dem Eis selbstverständlich nichts anmerken. Mimik sei beim Eiskunstlauf ganz entscheidend, hat er mal irgendwo gehört…

„Rolli, alte Wacholderdrossel! Kannste nich ma wat streuen vor der Pinte, hömma? Dat is…“

„Die Wacholderdrossel, oder korrekt ‚turdus pilaris‘, gehört zu den Kurzstreckenziehern und fühlt sich in halboffenen Landschaften, wie zum Beispiel an einem Waldrand am wohlsten.“, erwidert Wirt Rolli prompt.

Eddi guckt ihn mit schiefem Blick an. „Hömma, bisher dacht ich immer, dat ich mich mit vögeln am besten auskenne!“
Erwartungsvoll guckt er in die Runde, die von Pensionär Matte vervollständigt wird, doch bei keinem Mundwinkel im Raum zeigt sich eine Regung. Selbst für von stark übermäßigem Alkoholkonsum durchlöcherte Gedächtnisse ist dieses Wortspiel zu alt.

„Ich hab in meiner Jugend gerne Vögel beobachtet und Steckbriefe für heimische Arten erstellt.“, erklärt Rolli, während er Eddi ein Pils zapft.
Eine Eigenschaft, die man dem einfältig wirkenden Kneipier nicht zugeschrieben hätte. Andererseits würde ja auch keiner von Eddi erwarten, dass er so ein herausragender Bürgersteig-Eiskunstläufer wäre, schießt es diesem durch den Kopf.

„Mwoas isn da in deim Beutl, hm?“, schmatzt Matte durch die halb gekaute Frikadelle.
Rolli holt aus seinem FC Schalke-Jutebeutel eine Tupperbox, klappt sie auf und holt eine dicke Speckschwarte hervor. Genüsslich reibt er sich mit dem gelblich-weißen Fettrand über die Lippen, ehe er das Stück Speck wieder zurück in die Box legt.

Rolli starrt ihn mit offenem Mund an. „Was war das gerade, Eddi? Hast du über die Feiertage irgendeinen neuen Fleisch-Fetisch für dich entdeckt?“

„Hömma, du Heiopei. Wenn dat draußen kalt is wie deine Büchse am Valentinstag, dann muss man schon ma an die Lippenpflege denken. Son Labello, da zahlste knapp zwei Euro für 16 Gramm. Da kannste dir bald n Kilo Speck von kaufen und der Effekt ist der selbe!“

„Na toll“, wirft Matte ein, dessen Frikadelle sich inzwischen im Verdauungsprozess befindet. „Die Wacholderdrossel und der Sparfuchs. Is ja bald wie die Konferenz der Tiere hier…“

„Ha! Konferenz der Biere wäre mir lieber“, lacht Eddi, doch auch dieser Witz wird vom Auditorium nicht mit Gelächter honoriert.
Heute ist er einfach nicht gut in Form.

„Das ist es!“, ruft Rolli euphorisch. „Ein Labello mit Biergeschmack! Das ist ne riesen Marktlücke. Heureka!“

„Dafür würde ich der Ulla auch den Speck im Kühlschrank lassen“, pflichtet ihm Eddi nickend bei. „Aber könn wir nochma über dat Problem mit dem Streuen sprechen? Ich fahr ja immer am Ostermontag zu den abgebrannten Osterfeuern, hole mir da eimerweise die Asche weg und tupper die ein, damit ich dat im Winter dann übern Gehweg kippen kann. Sonst zahlste da ma locker n Fünfer für 20 Kilo Streusplitt!“

Rolli schüttelt den Kopf. „Wie hält das die Ulla mit dir nur aus, Eddi? Das nimmt ja krankhafte Züge bei dir an, du…“

„Also ich sage ja immer: ‚Geld sparen kostet Nerven‘! In diesem Fall Ulla’s Nerven.“, sagt Matte als er einen Euro in den Spielautomaten wirft.

„Hömma, meine Omma hat früher immer gesagt: ‚Andere Töchter haben auch schöne Titten’.
Ne warte, dat muss anders gewesen sein. Is ja auch Lachs! Jedenfalls schätzt die Ulla meine Sparsamkeit.“

„Dann sollten wir mal über deinen Deckel reden“, erwidert Rolli mit einem süffisanten Lächeln.

„Ach du dickes Ei! Ich glaub ich hab den Herd angelassen, dat muss ich klärn!“ Hastig springt Eddi auf und eilt zur Tür.

„Vergiss deine Schwarte nicht!“, ruft im Rolli noch hinterher, doch da ist die Kuh schon wieder auf dem Eis und zaubert die zweite Kür am heutigen Tag über die eisigen Bürgersteige der Hansestadt…

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