Verbale Eskalation

„Mensch, 3D, 4K, H5N1… Wat soll man damit denn allet anfangen? Da brauchste ja ne Anleitung um dat hier zu verstehen! Die Teile hier haben so viele Anschlüsse, anscheinend brauchste da für jeden Sender ein eigenes Kabel.“
Eddi hängt über dem knallroten Mediamarkt-Prospekt und runzelt verzweifelt die Stirn.
Nachdem vor zwei Wochen Rollis alter Röhrenfernseher den Geist aufgegeben hat, soll nun ein neues Gerät her. Ein Unterfangen, das sich schwierig gestaltet.

Früher als Technik noch etwas für echte Anpacker war, als der Aufbau eines Fernsehers noch den Einsatz echter Muskelkraft erforderte, da war Eddi noch der richtige Ansprechpartner in solchen Fragen.

Doch spätestens seitdem man Kabel nicht mehr in eine Buchse, sondern in einen ‘Slot’ steckt, konnte der 57-Jährige Malermeister mit der Entwicklung auf dem Technikmarkt nicht mehr Schritt halten.
Zuhause hat deshalb in Technikfragen Sohn Thomas das Ruder an sich gerissen. Eine Entwicklung, die Eddi zunächst Probleme bereitete, mit der er sich allerdings mittlerweile schon lange abgefunden hat. Zu Irgendwas muss der Junge ja auch gut sein.

Matte der mittlerweile das Prospekt zu sich rüber gezogen hat, schaut ebenso hilflos drein. „Gibt’s hier eigentlich keine Plasmafernseher?“, fragt er mit einem gewissen Desinteresse in der Stimme. Er weiß vermutlich nicht einmal genau, was ein Plasmafernseher überhaupt ist.

„Nee, das find ich nicht gut, wenn dafür das ganze Plasma verschwendet wird. Mit den Spenden soll man lieber Menschenleben retten.“, gibt Wirt Rolli zu bedenken.

„Sachma, ham se dir als Kind eigentlich schon nen Schnäpschen nach dem Essen verabreicht?“, bekommt er daraufhin von Eddi zu hören.

Irritiert schaut der Wirt seinen Stammgast an, geht aber nicht weiter darauf ein. Stattdessen sagt er: „Denkt dran, dass er auch auf mein Brettchen passen muss.“

Eddi fällt aus allen Wolken: „Du willst dat Ding da weiter benutzen? Da kannst du doch nicht deinen neuen Fernseher drauf stellen. Dat is als würdest du dein Erspartes auf’m Fensterbrett aufbewahren. Guck dir dat Scheißteil doch ma an! Dat is dat regalgewordene Ungeschick, Rolli!“

Rolli schweigt. Die Diskussion ist ebenso alt, wie das Brettchen selbst und er hat keine Lust sie zum x-ten mal auszutragen.

Eddi scheint das gar nicht zu gefallen. Er ist unzufrieden über seine eigene Ahnungslosigkeit in der Fernseherfrage und müsste deshalb eigentlich Dampf ablassen.

Nach wenigen Augenblicken des Schweigens kippt der Malermeister einen Wacholder und meckert los: „Nichma Videotext haben wir jetz hier! Kann man ja nichma gucken wie’s bei Schalke steht. Aber wahrscheinlich will ich’s auch garnicht wissen. Die verlieren doch sowieso wieder heute! Auf Schalke sollte man vielleicht mal überlegen, ob man die Spieler an den ersten fünf, sechs Spieltagen samstags nicht lieber in den Wald, statt auf’s Feld schickt! Punkte holen die ja sowieso nich!“

„Die haben doch jetzt unter der Woche gewonnen!“, widerspricht Rolli.

„Ach, Euroleague! Da kannst du so viel gewinnen wie du willst. Wenn dat in der Liga so weiter geht, kann der Weinzierl schonma die Stellenanzeigen durchlesen.
Ich kann doch auf der Arbeit auch nicht sagen: ‘Dat Zimmer zu tapezieren habe ich nicht geschafft, Chef. Aber guck ma wie toll ich die Fenster geputzt hab!’

Da bin ich meinen Job ja auch schneller los, als Lothar Matthäus seine Freundin.“

„Vielleicht braucht der Trainer ja einfach noch etwas Zeit.“

„So ein Blödsinn! Der hat genug Zeit gehabt! Ich sach dir jetz ma was: Den Weinzierl in Schalke auf die Trainerbank zu setzen, war von Anfang an so erfolgversprechend, als würde man mit Axel Schulz bei der Schach-Weltmeisterschaft antreten. Das is meine Meinung!“
Eddi kippt noch einen Wacholder.
An seiner Gesichtsfarbe kann man erkennen, dass er noch immer nicht so recht seine innere Mitte finden will. Als sein Blick auf seine BILD-Zeitung fällt, in der von den Festlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit in Dresden berichtet wird, nimmt er noch einen Hieb aus seinem Bierglas und poltert wieder los: „Die haben ein Sicherheitsproblem da in Sachsen! Da können die doch nicht so ne Veranstaltung stattfinden lassen, das wäre ja in Aleppo sicherer!“

Rolli ist heilfroh, dass heute nur seine Stammgäste in der Laterne sind, denn Choleriker Eddi manövriert sich gerade immer weiter in den Bereich der nicht nur politisch unkorrekten, sondern eventuell sogar strafrechtlich relevanten Aussagen.
In solchen Fällen gibt es nur eins: zuhören und auf keinen Fall widersprechen. Irgendwann geht das vorbei.

„Und die Petry warnt davor ‘die nächste verbale Eskalationsstufe’ gegen Sachsen zu zünden.“, setzt Eddi da auch schon seine Wutrede fort. „Ich sach euch mal wat: Wenn Frauke Petry vor der ‘nächsten verbalen Eskalationsstufe’ warnt, dann ist das in etwa so, als würde Josef Fritzl dazu aufrufen man solle seine Kinder nicht zu sehr behüten!“

Rolli zapft seinem wütenden Gast wortlos noch ein Pils und stellt ihm einen Beruhigungswacholder daneben. Mehr kann er bei dieser verbalen Eskalation nicht tun.