Verschiedene Welten

Das gefrorene Laub zerbricht knirschend unter kupfern glänzenden Ankle-Boots. Ein eisiger Winterwind umweht die zwischen den knöchelhohen Stiefeln und den hochgekrempelten Skinny-Jeans freiliegende Haut. Schnelle Schritte tragen Designer-Klamotten und ihre modebewusste Trägerin über den eisigen Bordstein, der Maderhund an der Kapuze des Woolrich-Parkas wippt dazu rhythmisch, als wäre er noch immer auf der Suche nach Insekten und Wildbeeren im skandinavischen Unterholz.

Eddi hat seine gewohnte Pole-Position direkt vor Rollis Theke eingenommen, Matte sitzt wie immer am Spielautomaten in der Ecke und verspielt sein Pensionärsgehalt in kleinen Raten, als sich die Eingangstür der Laterne vorsichtig öffnet. Ein junger Frauenkopf schiebt sich in den Raum, der dazugehörige Mund formt ein unsicher fragendes „Hallo?“.

„Wohin gehen alle Leute gerne?“, fragt Rolli freudig. Seine Stammgäste gucken ihn mit leerem Blick an.
„Na, in Rollis’ Kneipe ‚Zur goldenen Laterne’! Hereinspaziert!“, frohlockt der heute ungewöhnlich gut gelaunte Schankwirt. „Is son alter Werbeslogan von mir. Kam in der Zielgruppe aber nicht so gut an“, schiebt Rolli beim Anblick der verdutzten Gesichter seiner Stammgäste eilig hinterher.

Eddi lässt das unkommentiert und wendet sich stattdessen der Fremden zu, die sich immer noch schüchtern hinter der halb geöffneten Tür versteckt.
„Hömma! Mit der Tür is dat hier wie mit die Pornoseiten im Internet. Du öffnest se nur wenn’s nötig is und danach machst du se so schnell wie möglich wieder zu!“, ruft er ihr zu.

„Ich wollte eigentlich nur kurz nach dem Weg..“, fängt die attraktive junge Frau an, doch Eddi fällt ihr prompt ins Wort. „Schätzeken, wer guckt, der kauft! Dat is nich nur im Puff so, dat gilt auch hier! Also, komma ruhig bei mich bei, dann macht uns der Rolli erstma n Plisken fertig.“

„Normalerweise geh ich ja nicht in so Läden.“ Zögerlich geht sie ein paar Schritte in Richtung Theke.

„Ja, dat sagen die Männer auch immer. Die Fellatio-Tarife vonne Chantalle ausm Gewerbegebiet kennen se komischerweise trotzdem alle. Wat führt dich denn überhaupt hierher?“

„Also ich bin die Levanka Lu, bin einundzwanzig Jahre alt und war hier eigentlich unterwegs zu einem Store-Opening.“ Rolli stellt zwei Bier auf den Tresen. „Haben se dich da eingeladen oder wie?“

„Ja, also ich bin Influencerin und deshalb…“
„Influ wat?!“
, entfährt es Eddi, „hat das wat mit solchen Masernpartys von diesen Öko-Eltern zu tun? Hömma, diese ganzen Macchiato-Muttis mit ihren hanfgewebten Baby-Bauchtragen, da…“

„Ne, das hat damit gar nichts zu tun“, unterbricht Levanka Eddi, bevor der seine Tirade gegen Eltern mit alternativen Erziehungsmethoden zu Ende bringen kann. „Ich hatte angefangen Jura in Hamburg zu studieren, aber das war mir dann doch irgendwie zu viel mit Gesetzen, das war irgendwie so trocken. Seitdem mach ich nur noch mein Instagram.“

„Dat find ich klasse!“, ruft Eddi und haut Levanka als Zeichen seiner Anerkennung derart hart auf die Schulter, dass ihr fast der Selfie-Stick aus der Hand fällt. „Endlich ma n junger Mensch, der wieder wat Praktisches macht und nich hier immer nur studieren, Halligalli und Australien oder wat!“

Offensichtlich ist Eddi nicht ganz klar, worum es sich bei Instagram handelt.

„Ja, das macht mir auch total Spaß! Ich mach gerne Fotos und rede über Mode, ich bin halt echt ein Fashion Victim, aber naja, whatever.“

Mode, Fashion Victim, Whatever – Eddi hat kein Wort verstanden. Aber er weiß solche Situationen geschickt zu überspielen. Er nimmt sein Bierglas und hält es der Fremden mit erwartungsvollem Blick hin. Als sie mit ihm anstößt und einen vorsichtigen Schluck nimmt, schnappt sich Eddi den zu diesem Zweck auf der Theke abgelegten Selfie-Stick und schaut ihn abschätzig an.

„Wat is dat denn fürn Teil? Is da einer von diesen Teleskopschlagstöckern? Hast du damit den Sonnendachs an deine Kapuze da erlegt?“

„What? Das ist ein Selfie-Stick, um Selfies zu machen. Das perfekte Gadget, wenn man Fashion-Blogging im Social-Media Bereich macht.“

Eddi ist vollkommen überfordert. Derart sprachlos hat man ihn in seinem natürlichen Habitat selten erlebt. „Du Rolli, mach mir erstmal n Wacholder fettich, dat muss ich verdauen.“

„Ich muss jetzt auch los, meine Follower warten auf neue Postings.“ Sie fährt den Selfie-Stick ein und wirft sich ihre Pelzjacke über. „Du hömma, pass auf dich auf!“ Eddi hebt mahnend den Zeigefinger. „Der Letzte, der sich auf seine Follower verlassen hat, konnte sich den Sonnenuntergang ans Kreuz genagelt angucken mit ner Dornenkrone aufm Kopp!“

Levanka und ihre Designerklamotten schweben zurück zur Tür, freundlich lächelnd winkt sie zum Abschied und verlässt diese, ihr völlig fremde Welt.

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