Zu schmutzig für Gina Wild

„Du hast deine Uhr auch am Strand von Antalya für nen Zehner geschossen, wa?“, ranzt Eddi seinen Wirt Rolli an, der mit einem zusammengefalteten Klapp-Fahrrad unter dem Arm und dem Schlüsselbund bereits in der Hand die Straße runter gelaufen kommt, um mit fünfminütiger Verspätung seine Kneipe aufzuschließen.
Rolli hatte eigentlich mit einem Spruch zu seinem neuen Klapprad gerechnet. Zur Überraschung des Pils-Fachverkäufers ignoriert sein Stammgast jedoch das neu angeschaffte Transport-Vehikel, das unter seinem Arm klemmt und so betreten beide zunächst wortlos die Schankwirtschaft.

Als aber das erste Pils gezapft, verteilt und in einem Zug geleert ist, stellt Eddi sein Glas ab und guckt seinem Wirt einige Sekunden lang tief in die Augen. „So!“, beginnt er unvermittelt das Gespräch und haut dabei mit der flachen Hand auf die Theke. „Wat soll dat?“. Er deutet auf das Klapprad, das Rolli in der Ecke abgestellt hat.
„Das ist mein neues Rad.“, antwortet dieser stolz. „Auto kann man ja jetzt nicht mehr fahren, wegen den ganzen Skandalen mit dem Diesel und alles. Und ich habe gelesen, dass so ein Klapp-Fahrrad perfekt für Pendler ist.“

„Wo pendelst du denn hin?“, fragt Eddi misstrauisch und hofft inständig, dass Rolli nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen neuen Job angenommen hat, zu dem er nun hin pendeln muss. Die Vorstellung, dass der Wirt seine Profession als Kneipenbesitzer aufgibt und seine Stammgäste sich eine neue Trinkstelle suchen müssen, macht den 58-Jährigen Malermeister sichtlich nervös. Er ist zu alt um sich in einer neuen Umgebung einzuleben. Außerdem hat es Jahrzehnte gedauert, bis er seinen jetzigen Wirt erzogen hatte. Die Arbeit will er sich nicht noch mal machen müssen.

„Na, hier zur Laterne!“, antwortet der Schankmeister jedoch zu Eddis Erleichterung.

„Du bist mir vielleicht ein Pfeifenheinrich! Du wohnst doch 500 Meter die Straße runter. Und wenn du dir diese Nuckelpinne da extra für diese kolossale Distanz zugelegt hast, warum trägst du es dann unter dem Arm hier hin und schwingst deinen Steiß nicht auf den Sattel?“

„Na, ich weiß noch nicht genau wie man das aufbaut. Außerdem muss man die Klapp-Funktion ja auch nutzen. Ist doch praktisch. Kannst du überall mit hin nehmen.“

Die Diskussion über Sinn und Unsinn des durchaus bemerkenswerten Einfalls, sein hart verdientes Pils-Kapital in ein Klapprad zu investieren, um dieses dann zusammengefaltet von Zuhause in die Kneipe und wieder zurück zu tragen, möchte Eddi sich ersparen und lenkt das Gespräch daher in eine neue Richtung.
„Außerdem is dat doch alles dummes Zeug mit dem Dieselskandal. Die sollen nicht immer alle so tun, als wäre dat so neu. Fortbewegung verursacht nun mal Abgase. Wenn du auf deinem Klapp-Esel da zur Arbeit kommst, verursachst du auch CO2 durch dein Gekeuche, hömma!“

„Elektro-Autos verursachen aber keine Abgase.“, widerspricht Rolli.

Das ist der Moment, in dem das Herz von Stammgast Eddi anfängt zu pumpen, wie Tim Wiese auf der Hantelbank. Sein Kopf nimmt ein ungesundes Hoeneß-Rot an. Das ist das Zeichen für Rolli sich auf einen längeren Monolog des cholerischen Malermeisters einzustellen und schon mal einen Beruhigungs-Wacholder klar zu machen.

„Dat glaubst aber auch nur du, hömma! Die Herstellung von Elektro-Autos verbraucht so viel Energie, dat wäre sogar Gina Wild zu schmutzig. Und für die Akkus verwenden se die seltensten Erden die se finden können. Dat sind so seltene Erden, auf einer davon ist Schalke wahrscheinlich schon mal Meister geworden! Außerdem bringt mir dat tollste Elektro-Auto nichts, wenn der Strom dafür aus’m Braunkohle-Kraftwerk in Boxberg kommt!“

Nach einer kurzen Gedankenpause ergänzt er etwas nachdenklicher: „Außerdem wollen die Hersteller doch gar keine Elektro-Autos bauen. So schwer kann dat doch nicht sein. Sogar die Post hat ihr eigenes Elektro-Auto entwickelt. Die Post! Dat sind die, die ihre Briefkästen so aufstellen, dass du sie nur mit dem Bus erreichst.“ Eddi schüttelt fassungslos den Kopf.
„Wenn dat so weiter geht, fängt BMW bald an Briefe zu verteilen. Dat können die wahrscheinlich sowieso besser. Und VW leitet weiterhin die Regierungsgeschäfte in Niedersachsen. So macht jeder das was er am besten kann…“

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